Journalismustage 2016

Julia Herrnböck: Journalismus in Österreich kann man leider kaufen

Von Thomas Prager und David Steiner

Julia Herrnböck ist Redakteurin bei nzz.at und schreibt vorwiegend über die Wiener Lokalpolitik. Vor den Wiener Landtagswahlen berichtete sie in Kooperation mit dossier.at über Korruption innerhalb der Stadtverwaltung. Unter dem Titel „Frags in ein Sackerl – Abwehrstrategien der Stadt Wien gegen investigativen Journalismus“ wird sie bei den Journalismustagen von ihrer Erfahrung aus einem Jahr Recherche berichten.

 Julia Herrnböck, www.nzz.at

Was war die skurrilste Erfahrung im Zuge Ihrer Recherchen über die Stadt Wien?

Einmal hat mich eine Bezirkspolitikerin angerufen und wüst als „Lügenjournalistin” beschimpft. Ich war bereits zuvor zwei Jahre beim Standard in der Wien-Redaktion und kannte daher viele Angestellte  wie Pressesprecher oder Mitarbeiter in den Wiener Stadtratsbüros. Am Anfang waren alle freundlich. Doch als klar wurde,  dass wir auch kritisch berichten wollen, war das vorbei. Das begann mit den ersten Kommentaren meines Chefredakteurs. Ich hatte für die Wahlberichterstattung bereits Interviews für Portraits fixiert. Doch dann hieß es plötzlich: So wie euer Chef schreibt, wird das doch nix – es wurde nicht einmal versucht das elegant zu kaschieren.

 

Wo werden solche Entscheidungen gefällt?

Ich denke, dass diese Entscheidungen politisch sind und von ganz oben kommen. Das ist ein wachsendes, kulturelles Problem in Österreich. Auf Medien wird ganz offen Einfluss genommen und zwar von allen Parteien.

 

Wie hat sich das noch geäußert?

Zu Beginn wurden uns indirekt Inserate angeboten, wenn wir unsere Berichterstattung verändern. Dann wurde gedroht, man werde sich in der Schweiz beim Mutterkonzern über uns beschweren. Mittlerweile beantwortet in der Presseabteilung eines Stadtratsbüros keiner mehr meine E-Mails oder Anrufe. In einer anderen Sache schickte uns ein Anwalt eine Unterlassungserklärung. Damit sollte erreicht werden, dass wir die Recherche gemeinsam mit Dossier einstellen. Das war noch bevor wir unsere erste Geschichte veröffentlicht haben. Die Klage eines stadtnahen Konzerns wurde mehrfach bei Gericht abgewiesen und ist trotzdem jedes Mal in Revision gegangen. Bei nzz.at hätte eine Schadensersatzzahlung unser Mutterschiff in der Schweiz übernehmen können. Aber für ein kleines Büro wie Dossier ist das schon ein existenzielles Risiko. Da haben wir dann darüber gesprochen, wie und ob wir jetzt weitermachen.

 

Warum haben Sie weiter berichtet?

Uns Angst machen zu wollen, war erst Recht ein Anlass die Arbeit fortzusetzen. Man hat gemerkt: Es gibt eigentlich keine Kultur von kritischem Journalismus mehr. Alles, was Massen erreicht, ist abhängig von Inseraten. Auch die unabhängigen, kritischen Zeitungen sind davon betroffen, weil sie in den vergangenen Jahren finanzielle Probleme bekommen haben. Man kann Journalismus in Österreich leider kaufen, das ist mein Eindruck.

 

Die Journalismustage drehen sich ja um das Thema „Glaubwürdigkeitskrise der Medien“. Nach Ihren Ausführungen könnte man meinen, dass es dafür gute Gründe gibt.

Einer der Vorwürfe lautet, dass sich linksgerichtete Journalisten eine Wahrheit rauspicken. In Einzelfällen stimmt das – sowie auch bei rechtsdenkenden Journalisten. Doch der Großteil der Kollegen versucht immer noch ausgewogen zu berichten. Es ist Quatsch bei jeder Kurzmeldung zu vermuten, dass sie politisch gesteuert ist. Da sitzt eine Person, die acht Minuten Zeit hat und oft noch nicht alles weiß. Generell ist es oft nicht eindeutig, wie man eine Geschichte angehen soll. Nach den Vorfällen Köln zu Jahresbeginn gab es so viele verschiedene Ansätze. Die kannst du nicht alle in eine Geschichte packen.  Journalisten sollten besser erklären, wie ihre Geschichten zu Stande kommen und ihre Quellen angeben. Informationen, die noch nicht belegt sind, sollten sie im Zweifel zurückhalten. Außerdem würde es allen Medien helfen, wenn sie ihr Konkurrenzdenken ablegen. Ich glaube, dass ein Teil der Zukunft des Journalismus in Kooperationen von Medien liegt. Das hat man jetzt bei den Panama Papers gesehen.


Dieses Interview führten Thomas Prager und David Steiner im Rahmen der #JT16-Redaktion.

Thomas Prager arbeitet als freier Journalist und schreibt seine Magister-Arbeit in Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Twitter: @ThoPrager

David Steiner studiert Publizistik an der Uni Wien, ist Redakteur bei mokant.at und will Journalismus machen, um Fragen zu stellen, die sonst niemand stellen würde. Twitter: @dadavste