Die Storys des Jahres 2017

…übergeben von ZDF-Anchorwoman Marietta Slomka.
…und die Begründungen der Jury, verlesen von Melisa Erkurt (Autorin der „Story des Jahres 2016“)

Eingereicht werden konnten alle journalistischen Beiträge, die in einem österreichischen Medium zwischen 1. Jänner und 31. Dezember 2017 erschienen waren; in allen Mediengattungen (Print, Online, TV, Radio), in allen Formaten (Bericht, Reportage, Interview, Feature, Doku, Kommentar,…)

Was zählten waren Thema, Inhalt und Machart: sauber recherchiert, verständlich aufbereitet – den Blick auf die Dinge verändernd.

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Und die „Story des Jahres 2017“ ist…

„Es gab Übergriffe. Von Trainern, Betreuern, Kollegen.“


Nicola Werdeniggs Geschichten über die Praktiken im ÖSV.

Aufgezeichnet von Philip Bauer. Erschienen in „Der Standard“

#SkiToo, so titelte die „Süddeutsche Zeitung“: Eine ehemalige Spitzensportlerin holt mit ihrer Geschichte die #metoo-Debatte nach Österreich. Der mutige Beitrag im eigenen Land zu einem akutellen globalen Problem. Und das gerade dort, wo es besonders schwer ist: bei einem nationalen Heiligtum der ÖsterreicherInnen, dem Skisport.


Stimmen der Jury

„Nicola Werdeniggs Protokoll brachte sehr viel ins Rollen. Der Impact ging weit über das Sport-Publikum hinaus.“

„Eine schlichte, stringente, eindringliche Geschichte – klar im Stil, einfach in der Sprache – hat sie aufgebrochen, was sich jahrzehntelang keiner anzurühren getraut hatte.“

„Diese Story hat eine Zeitenwende eingeleitet. Der Skisport ist nach dieser Geschichte nicht mehr derselbe wie zuvor.“

„Die Geschichte von Nicola Werdenigg hätte schon die „Story des Jahres 1975, 1977 oder 1979“ sein müssen. Damals, als alles passierte. Vieles wäre dann vielleicht gar nicht geschehen. Sie ist eine Geschichte über das viel zu lange Wegsehen. Und zeigt damit die besondere Verantwortung des Journalismus.“

„Die Geschichte macht Frauen in ähnlicher Lage Mut – und nimmt jeden Menschen in die Pflicht künftig hinzusehen.“

Nun ist sie die „Story des Jahres 2017
– …schon allein wegen der Wirkung, die sie entfaltete. Und sicher noch weiter entfalten wird.

 

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Weiters unter den  Top 5  „Storys des Jahres“ gemäß Jury:

„Die letzte Ausfahrt“

Wie wir 40 Tage einen absurden Wahlkampf begleiteten, und dabei selbst fast irre wurden

Von Markus Huber. Erschienen in „Fleisch“.

Der Autor begleitet den Kanzler 40 Tage lang auf Wahlkampftour durch ganz Österreich. Ein Bericht aus dem Herzen einer politischen Kampagne, wie es ihn so in Österreich noch nicht gegeben hat. Serviert mit großartigem Witz und einem liebevollen Blick aufs Detail wird die Lektüre auch für „normale“ Menschen zum absoluten Lesegenuss.

„… und wir dachten, das können nur die Deutschen. Weil sie das österreichsche Äquivalent zur Schulz-Story war, und wir mehr über Bundeskanzler Christian Kern erfahren haben, als es uns lieb war. Reflektiert und auch oft ziemlich amüsant. Ein Pageturner, obwohl man das Ende kennt.“

„Ein wirklich geglücktes Beispiel einer innenpolitischen Reportage, die einen Blick hinter die Kulissen des Wahlkampfs erlaubt.“

„Embedded und doch entlarvend, zeigt sie auf, warum Kern scheitern musste. Blendend geschrieben zeigt sie, das parteiischer Journalismus trotzdem kritisch sein kann.“

„Die Rechercheleistung, die epische Breite, die Nähe, aus der man die politischen Akteure kennenlernt, mit der hier das menschliche hinter der Politik sichtbar gemacht wird: Das ist gibt es in Österreich kein zweites Mal.“

 

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„Schuld und Sühne“

Ein Mann will vom Staat als Opfer anerkannt werden. Doch er hat einen Menschen auf dem Gewissen. Warum österreichische Behörden trotzdem etwas gutzumachen haben. Eine Geschichte, die weh tut.

von Anja Melzer. Erschienen in „News“

Die Geschichte über Meinhard Lehner macht sprachlos.  Meinhard M. Opfer und Täter, als Kind und Jugendlicher gedemütigt, gequält und geschlagen, zuerst von „Mutti“, dann – auf der Psychiatrie des Landessonderkrankenhauses Graz – von den Kreuzschwestern, bringt einen Taxifahrer um. Einfach so. Mit seinen bloßen Händen. Nach 14 Jahren Knast und drei Jahren in Freiheit beschließt er sein Leben aufzuarbeiten und will nun Gerechtigkeit. „Ich hab ja auch für das gebüßt, was ich getan habe, sagt er.“

„Ein oberflächlicher Blick auf einen Mann zeigt einen Verbrecher. Die Geschichte blickt tiefer und zeigt den Skandal der Behörden, der hinter der Geschichte des Mannes steckt. Vertuschen? Das ging offenbar lange gut, bis der Mann spricht.“ 

„Eine beklemmende Geschichte über eine geraubte Kindheit, die sich letztlich in einem brutalen Mord entlud. Und über ein Versagen von Behörden und Institutionen, die diese Tragödie hätten abwenden müssen.“

„Im Journalismus sagt man: Eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte – und die musste erzählt werden. Hier wird eine erschütternde Biografie nahegebracht, aus dem gesellschaftlichen Abseits, in empathischer klarer Sprache fern von Sozialporno & Pathos. Öffentlichkeit ist noch keine Gerechtigkeit, aber ein Schritt in die Richtung.“

„Die Story zeigt alle Facetten schonungslos auf. Eine Geschichte, die tief eindringt und einem den Atem raubt. Eine unglaubliche Geschichte – und so super geschrieben.“

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„Jo mei“

Wie leben Menschen in Österreich in hohem Alter

von Stefan Apfl. Erschienen im „Datum“

Eine wiederkehrende Frage im Journalismus: Kann man, soll man, darf man als Journalist Persönliches zur Geschichte machen? So wie hier – auf jeden Fall.

Frau Grete, 82, Demenz und Depression. Pflegestufe 5. Zum Mittagessen (Gemüse, manchmal Fisch, Fleisch nur am Sonntag) gibt es Trigelan 50mg zur Behandlung von Parkinson, PK Merz 100mg zur Vorbeugung von Zittern, Furon 40mg zur Förderung der Wasserausscheidung, Motilium 10mg gegen Übelkeit,  Xarelto 20mg zur Vorbeugung von Thrombosen und Embolien. In der Story geht es darum, was vom Leben bleibt. Und was eben nicht. Die Biografie von Frau Grete ist gut skizziert, die Fakten sind gekonnt eingewoben.  Die Geschichte ist wohltemperiert, warm, voller Empathie. „Oma, ich hab dich lieb“, lautet der letzte Satz. Man glaubt es dem Autor.

„Berührend, im Stil überzeugend, eine Reportage über ein Phänomen unserer Zeit: das Altern.“

„Die Frage des würdevollen Alterns, die Angst vor Krankheit, trifft mit dieser Geschichte einen wunden Punkt. Die Details sind nicht leicht zu lesen. Umso wichtiger ist es sie aufzuzeigen. Sie ist ein wertvoller Beitrag im Rahmen einer Pflegediskussion, in der es um mehr als Pflegestufen geht.“

„Den Schluss musste ich zweimal lesen, um zu verstehen, was er bedeutet. Und als ich ihn dann endlich verstanden hatte, habe ich ihn noch ein drittes Mal gelesen – und geheult wie ein Schlosshund. Minutenlang, wie seit dem Tod meiner Großmutter vor Jahren nicht mehr. Und das, obwohl in dieser Geschichte am Ende niemand stirbt.“

„Zu ähnlich das selbst Erlebte mit dem hier Erzählten. Was für eine wunderbar einfühlsame, tragische bis komische, nostalgische bis hochaktuelle Hommage an ein Leben – und mit ihm an das Leben einer ganzen Generation, und der nächsten und übernächsten noch mit dazu, die dieses Leben ans Ende begleiten darf. Noch nie hat mich eine Geschichte persönlich so berührt wie diese.“

 

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„Geheimsache Pröll“

von Florian Klenk. Erschienen im „Falter“

Eine Zahlung von über 1 Million Euro und die Aufdeckung einer unangenehmen Wahrheit: Wie sich der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll seine „Erwin-Pröll-Privatstiftung“ vom Steuerzahler subventionieren ließ. – Eine Geschichte über politischen Machtmissbrauch und die Grenzen der Beugung des Rechts.

„Dass der Autor dann auch noch von der verantwortlichen politischen Partei mit dem Vorwurf von „Fake News“ – also der „Fälschung von Nachrichten“ – versucht wurde zu diskreditieren, und sich diese erst mit rechtlichen Schritten zur Wehr setzen musste, bis diese die ehrenrührige Behauptung zurückzog, zeigt erst recht wie wichtig es ist solche Geschichte zu machen.“

…und wie wichtig es ist, solche Geschichte auszuzeichnen, um allen anderen den Rücken zu stärken.

„Eine wichtige Aufdeckung, die wahrscheinlich zum Rücktritt, sicher aber zur Demaskierung eines Politikers führte. Ein kritischer Blick auf Niederösterreich, der in vielen Medien leider fehlt. Festgemacht an einem plakativen Beispiel.“

„Wenn innenpolitischer Journalismus eine zentrale Aufgabe hat, dann Verantwortung einzufordern von Verantwortungsträgern. Das ist das best practice-Beispiel: vom ersten bis zum letzten Wort die Frage nach Antworten, die sie eigentlich geben müssten. Ein Paradebeispiel für investigativen Journalismus – und das Sittenbild eines Bundeslandes.“

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